Dinah: Wiedersehen & Abschied....

Wir waren 14 Tage im Januar weg. In dieser Zeit wurde der Bild-Hund Ruby eingeschläfert. Ich kannte ihn noch als Welpen aus meiner PR-Zeit und Bild-Besucherin.

Als ich die Fotos von der uralten Ruby sah, sah ich Dinah, der gleiche trübe Blick, die gleiche weiße Schnauze, die gleiche Geschichte: Alt, uralt, dement und so klapprig.

 

Zu Hause begrüßte uns kein Hund, keine Dinah, da stand nur ein Schatten, auf wackeligen Beinen, gesenkten Hauptes, eingekniffener Schwanz. Ein Bild des Elends.

 

14 Tage und wieder ein Schritt zum Ende hin. Wie schnell das geht. Jetzt.

Aber ich kann den Tod von Dinah noch nicht akzeptieren.

Ich kann es nicht. Oder ich will es nicht. Was ist gut für den Hund? Sie frisst ja noch und trinkt.

 

Wenn sie sich legen will, dann knickt sie erst ganz vorsichtig und in Zeitlupe mit den Hinterbeinen ein, verharrt und rutscht dann langsam, langsam zu Boden. Im Körbchen dreht und dreht sie sich immer und immer wieder mühsam um sich selbst, bis sie endlich den „;Mut“ gefunden hat, sich langsam zu legen.

Hat sie Schmerzen? Sie jammert herzzerreißend.

 

Jetzt steht sie vor dem Wassernapf, den Kopf gesenkt. Sie weiß nicht, was sie will. Erinnert sie sich nicht ans Trinken? Wie das geht?
Sie schlappert, lange, sehr lange und schafft doch nur ein wenig zu trinken.

Alles geht noch ein bisschen langsamer, mühsamer, schwerer.

 

Die Treppe macht ihr Mühe.

Draußen im Garten muss ich ihr den Weg zeigen. Sie weiß nicht, wo sie ist.

Dann steht sie vor der Wand, zusammengesunken, hilflos, verloren, allein.

 

Ich habe sie in den Arm genommen in der Nacht und ihr gesagt, dass ich ihr Bestes möchte, das tun möchte, was sie will. Aber hat sie noch einen Willen?

 

Kein Geschöpf, keine Kreatur will sterben. Auch Tiere klammern sich an das Leben.

Wenn sie schläft, dann scheint sie mir ganz entrückt, ganz geborgen, ganz glücklich. Schlafes Bruder, Schlafes Schwester …

Dinah schlaf mein Schatz, schlaf ein – aber bitte nicht durch mich.

 

Coco meidet das Schlafzimmer und bleibt oft unten.

Spürt sie, wie es um Dinah steht?

 

Jetzt ist auch noch ihr Fettgeschwulst wieder aufgegangen und nässt und blutet.

 

Es ist so endgültig und macht bewusst, dass alles endlich ist. Früher da bin ich mit Hans kilometerweit am Strand gegangen.  Seit einem Jahr muss ich alleine gehen.

Wir altern alle, altern wie von selbst, immer ein kleines Stückchen mehr verlieren wir an Kraft, an Beweglichkeit, an Haltung. Der Schritt wird müde, der Rücken schmerzt. Und die Qual des Alters, die ich bei Dinah sehe, sie steht auch uns bevor. Unwiderruflich. Unabänderlich. Unaufhaltsam. Schritt für Schritt.

 

… wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Sieh dir andere an. Es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Sei es doch so.

 

Es stirbt ein Hund, ein Geschöpf, ein Tier und es ist, als stirbt ein Teil von mir. Es ist der Lebensabschnitt, der mit ihr zu Ende geht.

 

Und die Erinnerungen? Die schöne Zeit? Die vielen Gemeinsamkeiten?

Das tröstet mich heute nicht. Vielleicht morgen.

 

Viele sagen, ich solle sie doch nicht quälen.

Andere sagen, solange sie noch frisst.

Wenn sie doch noch läuft, mühsam oft und wie fremd geführt.

 

So wie Mutti immer sagte: Ich muss ja …

Genauso kommen mir viele Reaktionen von Dinah vor.

Sie muss raus gehen, sie muss fressen, trinken, verdauen, muss laufen, obwohl sie so viel lieber im warmen, kuscheligen Körbchen schlafen möchte.

Wenn sie denn kann und nicht die Unruhe sie quält.

Ihre Augen sind so trüb und traurig.

Sie versteht nicht, was mit ihr geschieht und ist ganz in unserer Hand.

Fühlt sie noch die Geborgenheit, die wir ihr geben möchten?

Oder ist sie allein im Dunkeln ihrer Krankheit, ihres gebrechlichen Körpers?

 

Wann ist es Zeit, sie schlafen zu lassen. Schlafen. Schlafen. Schlafen …

Donnerstag, den 03.02.2011

 

Ein paar Tage später:
Ich habe den Eindruck, es geht ihr wieder etwas besser. Sie rappelt sich immer wieder auf. Als spürt sie, dass wir es von ihrem Befinden abhängig machen, ob sie leben oder sterben „muss“.

Beides scheint mir schwer für sie. Wie es sicher auch für den alten, uralten Menschen schwer ist, zu sterben und zu leben …

 

Mir ist, als wäre ihre Unruhe gewichen. Dafür ist da eine Art Lethargie. Ein Abfinden? Ein Warten?

 

Gestern hat sie der Nachbarshund 2 x angegriffen. Früher nie. Der spürt ihre Schwäche und nutzt sie aus. Das ist auch neu. Bislang war sie im Wald die geachtete alte Dame.

Ich träume immer wieder, dass wir etwas „entsorgen“. Habe ich Angst, Dinah zu entsorgen, abzuschieben, aufzugeben?

Da ist doch noch Leben in ihr. Ein Fünkchen. Hoffnung oder Wunschdenken?

 

Aber dann:

Tag für Tag geht es ihr schlechter. Das letzte Aufflackern ist wieder vorbei.

Wieder die Unruhe. Die Schreie. Das Umherirren.

 

Donnerstag, der 10. Februar 2011, 14.00 Uhr

Es ist vollbracht. Dinah hat diese Erde mit ihrem Sonnenglanz verlassen.

 

… und willst Du uns noch einmal Freude schenken

An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz

Dann lass uns der Vergangenheit gedenken

Und dann hast du unser Leben ganz …

 

Die Finken schlagen, frühlingshaft ist es draußen in ihrer und unserer Welt.

 

Sie hat den ganzen Vormittag in ihrem Körbchen gelegen. Sich kaum gerührt. Alles schien abgefallen, die Unruhe, die Heimatlosigkeit, die Verlorenheit.

 

Dr. K. hat gesagt, dass wir zu unseren Tieren gnädiger und liebevoller sein dürfen als zu unseren Lieben, die sehr alt und sehr krank sind.

 

Alles habe ich erlebt, das nicht wahr haben wollen, die Wut, den Zorn, das Verhandeln – schenk uns noch ein paar gute Tage – den Kummer und plötzlich das sich Fügen. Es war, als wären mir Schuppen von den Augen gefallen. Und ich wollte nicht den Fehler vieler machen, mich klammern, sie für mich am Leben halten, sie leiden  und alleine lassen in ihrer Verlorenheit und Einsamkeit.

 

In der Nacht ist sie die Treppe heruntergefallen. Sie verlor einfach die Gewalt über ihren Körper. Wie sollten wir das noch länger und länger durchhalten.

 

Oh Dinah, Du warst so tapfer, so willensstark auch wenn alles von ganz fern kam, einstudiert, automatisch.

 

Heute Morgen sind wir noch die kleine Runde gegangen und dann habe ich alles in die Wege geleitet.

 

Sie lag im Wohnzimmer als die Ärztin kam. Ich hatte Kerzen angezündet, unsere „Nachtmusik“ eingeschaltet, die Terrassentür geöffnet, damit  Dinahs Seele entfleuchen kann in die Unendlichkeit…

 

Sie schaute die Ärztin an. Hat sie es geahnt?

Sie blieb ganz ruhig. Gefasst? Ergeben? Wissend?

 

Sei gelobt mein Herr,

durch unsere Schwester, den leiblichen Tod.

Selig die, welche sie findet einverstanden

Mit deinem heiligen Willen.

Ihnen kann der zweite Tod nicht schaden.

 

Ein sehr alter Hund, eine Grand Dame auf vier Pfoten ist aus ihrem Exil befreit.

 

Alle Lebewesen sind beseelt und ich glaube an die Unsterblichkeit der Tiere,

an die von Cathy, Benny, Joucka und Dinah. Sie sind nicht verloren.

Ihre Liebe bleibt mir, meine Liebe bleibt mir bis ans Ende und in alle Ewigkeit …

 

Amen