Demenz bei Hunden:

Hat Dinah Alzheimer?

Wie es genau begann, ich weiß es nicht mehr.

Irgendwann wedelte Dinah, die schwarze Mischlingshündin, nicht mehr mit ihrem wunderschönen, buschigen Schwanz.

Sie wirkte manchmal so orientierungslos. Lief einfach einen anderen Weg, als den, den wir nun schon seit 14 Jahren laufen, wenn es nach Hause geht.

 

Sie leidet seit Jahren unter dem Cushing-Syndrom, produziert zuviel Cortison und bekommt deshalb das Medikament Vetoryl 30mg. Erst in ziemlich hoher Dosis und dann nach den Blutuntersuchungen in immer geringerer Konzentration.

Sie war fast kahl geworden. Nur das Unterfell war noch da. Aber mit dem Medikament wuchsen die Haare wieder und sie war schöner als je zuvor.

 

Dinah ist ein besonderer Hund. Eine Persönlichkeit.

Als ich schwer krank wurde und gar nicht wusste, was mir fehlte, legte sie sich immer auf den Bauch ihres Frauchens.

Da wo der Tumor war. Als es noch keiner ahnte.

 

Damals sagte mir eine Physiotherapeutin in Bad Kleinkirchheim: Wussten Sie es nicht: Die Tiere tragen für uns. Sie übernehmen unsere Krankheiten.

 

Dinah war ein Jagdhund. Als sie jung war, mussten wir sehr auf sie aufpassen.

Ihr Katzenhass war dramatisch und fast hysterisch.

 

Wir hatten sie als Scheidungshund bekommen. Die neue Mutter von Olga mochte keine Hunde und darum musste das Mädchen den Hund abgeben. An uns.

Was für ein Glück.

 

Als Joucka, die blonde Labrador-Hündin, überfahren wurde und der Kummer kaum zu ertragen war, spendete sie Trost aus ganzem Herzen und mit aller ihrer Kraft. Noch Monate kam sie angelaufen, wann immer ich ein Taschentuch zückte. Längst nicht mehr um zu weinen, sondern nur um die Nase zu putzen. Aber Dinah glaubte, der Kummer würde wohl nie versiegen. Sie passte auf mich auf.

 

Und jetzt ist Dinah alt, 15 Jahre wurde sie im Juni 2010.

 

Sie schläft viel, fast, als läge sie im Koma, tief, laut- und bewegungslos.

Wir kochen für sie, weil sie oft nicht fressen mag. Sie wiegt nur noch 18 kg und ist nur noch Haut & Knochen.

 

Da sie seit vielen Jahren Schüssler Salze gegen ihre Arthrose bekommt, kann sie wieder gut laufen. (So glaube ich zumindest.) Sie ist ja sehr dünn, ja knochig geworden, wahrscheinlich beflügelt sie das. Sie rennt sogar, wenn wir die kleine Runde gehen. Vor allem, wenn es nach Hause geht, läuft sie weit voraus bis zur Gartenpforte.

 

Darum geben wir kein Schmerzmittel mehr.

 

Aber da ist diese Abwesenheit, diese Traurigkeit in ihr, diese Hilflosigkeit und abends ein große Unruhe.

Wenn sie die Orientierung verloren hat, wenn sie sich allein gelassen fühlt, bellt sie ganz hell und schrill. Ist das ein Hilferuf? Was geschieht in dem kleinen Hunde-Hirn?

 

Abends wenn ich im Bad bin, rennt sie von Raum zu Raum, bellend, knurrend.

Endlich sucht sie ihr Körbchen. Läuft von einem zum anderen. Wir haben drei davon zur freien Auswahl.

 

Coco, die braune Labradorhündin, scheint das zu verwirren. Sofort räumt sie einen der drei Schlafplätze, wenn Dinah sich dafür entscheidet, um dann nach ein paar Augenblicken, auf das Sofa zu springen oder einen anderen Schlafplatz zu suchen.

 

Im Körbchen ein trauriges Miepen während sie sich mühsam dreht, dann wieder das schrille Bellen. Fast wie ein Schrei.

 

Was sucht sie? Was will sie? Hat sie Angst?

 

Altersdepression, Verwirrtheit – ich habe sie bei meiner Mutter erlebt. Und es ist so ähnlich bei Mensch und Tier, die Unruhe, die Traurigkeit, die Verzweiflung, weil alles nicht mehr so ist, wie es früher war.

 

Irgendwo habe ich gelesen, die Menschen (und Tiere ?) fühlen sich in ihrer Demenz wie im Nebel, eingeschlossen, verlassen, alleine, hilflos, traurig.

 

Hunde sind soziale Wesen.

Menschen brauchen soziale Kontakte, wie die Luft zum Atmen. Wenn diese plötzlich zu verschwinden drohen, erfüllt Angst und auch Wut die kranken Köpfe & Seelen.

 

Ein Leben erlischt.

 

Manchmal durch Krankheit wie bei Benny, durch Altersschwäche wie bei Cathy, durch einen Unfall wie bei Joucka. Alles habe ich schon erlebt bei Menschen, bei Hunden.

 

Warum gibt es nichts, um den demenzkranken Lebewesen die Angst zu nehmen, sie aufzuhellen, ihnen trotz allem ein wenig Lebensfreude zu geben?

 

Sie müssen leiden, denn sie spüren, wie sie sich entfremden.

Sie verlassen ihre reale Welt und fühlen sich verloren, hilflos.

Sie spüren ganz genau, dass sie nicht nur Liebe und Zuwendung bekommen, dass sie nerven, manchmal auch stören, dass sie zur Last werden. Und das macht sie noch verzweifelter. Denn seismografisch erspüren sie, Hund wie Mensch, was ihr Gegenüber fühlt und denkt.

In der Demenz scheinen die Lebewesen sehr viel sensibler in Bezug auf Liebe oder Abneigung zu werden. Warum?

 

Ein Notruf? Ein Alarm?

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde des Tieres auch.

 

Die Tiere gehen miteinander behutsam um.

Sie bringen dem demenzkranken Hund die gleiche Hochachtung entgegen, wie damals, als er noch stark und selbstbewusst war.

 

Coco respektiert Dinah nach wie vor voll und ganz.

Dinah orientiert sich jetzt öfter an Coco. Coco wird selbstbewusster aber nie „unfreundlich“.

 

Immer wieder leckt Coco Dinahs Schnauze. Die das  geschehen lässt.

 

Bei uns Menschen ist das anders.

Wir meiden unsere Kranken und begegnen ihnen mit Unsicherheit, Abwehr, Missachtung. Auch wenn wir wissen, dass uns irgendwann das gleiche Schicksal blühen kann.

 

Dinah ist nicht mehr Dinah.

Sie ist ein hilfsbedürftiges Lebewesen, das wir beschützen und pflegen müssen. Sie ist ganz auf uns angewiesen.

 

Manchmal denke ich, dass sie ihre Familie gar nicht mehr erkennt. Sie freut sich kaum, wenn wir nach Hause kommen und der Schwanz liegt ganz dicht unter ihrem dünnen, knochigen Körper.

 

Das Fell ist stumpf und zottelig. Und die dunklen, traurigen Augen erzählen von Angst und Hilflosigkeit. Was ist nur los mit mir? Helft mir.

Lasst mich nicht im Stich …

 

Die letzte Untersuchung hat ergeben, dass sie schlechte Leberwerte und zur Zeit sogar Cortison-Mangel hat. Aber sie trinkt nach wie vor Unmengen und muss fast alle 2 Stunden Pipi machen. Das Wasser fließt so raus, wie sie es aufnimmt.

 

Eine Freundin sagte mir: Sie ist längst in einer anderen Welt.

In welcher, einer traurigen, dunklen, grauen, wir wissen es nicht und versuchen mit ganz viel Liebe etwas Licht in das Dunkel ihrer Sinne, ihrer Seele

zu lenken.

Langenfeld, im Juli 2010

 

 

Ein halbes Jahr später

 

Langsam lernen wir mit ihrer Krankheit umzugehen.

Sie schläft viel. Aber wenn sie dann aufwacht, ist sie meist völlig orientierungslos und beginnt laut zu bellen. Um Hilfe zu rufen?

Sylvester habe ich sie gegen 22.00 Uhr, ihre gewohnte Zeit, ins „Bett“ gebracht, ihr die Tabletten gegeben und mich aufs Bett gelegt. Sie absolvierte ihr übliches Programm, Bellen, laufen, Körbchen suchen, mühsames Legen, Aufstehen bis sie endlich einschlief.

Dann sind Coco und ich nach unten gegangen, um in das Neue Jahr zu feiern.

 

Zur Zeit bekommt sie folgende Medikamente:

3 x täglich das Lebermittel Flor de piedra D6

3 x täglich Kaarsivan für den Kopf und bessere Durchblutung

4 x täglich Neurexan von Heel, Homöopathie zur Beruhigung

Alle 14 Tage Vetoryl 30 mg gegen das Cushing Syndrom

 

 

Dinah hat nur ein Leben

 

Aber sie hat nicht nur eine Würde zu verlieren, sie soll und darf nicht leiden. Und ich werde ihr keine Windeln anlegen.

 

Jeanette sagt, ich lasse sie nur um meinetwillen leben. Ich täte es für mich.

Ist es menschlicher Egoismus, wenn wir unsere Tiere nicht gehen lassen können?

Dinah hat ein Super-Herz. Wie meine Mutter. Alles wollte damals in Mutti sterben, nur das Herz nicht.

 

Dinah bestimmt inzwischen unser Lebensrhythmus. Wann ich aufstehe, wann ich schlafe, wache, einkaufen gehe, zum Sport fahre.

Verreisen wird schwierig. Auf längere Autofahrten können wir sie nicht mehr mitnehmen.

Manchmal denke ich: Es dauert nicht mehr lange.

Dann wieder: Wird sie noch einen schönen Sommer haben?

Was tun?

 

Als Joucka, der helle Labrador starb, war es als flöge Ihre Seele über die Heide.

Bei Dinah suche ich sie manchmal. Sie scheint schon ihr Flügel ausgebreitet zu haben … fliegt durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.

 

Walter Jens wollte nicht so leben, wie er jetzt in seiner Demenz lebt

Er hat dies mit Hans Küng in einem Buch festgelegt.

 

Wir dürfen Tiere töten, wenn sie zum Verzehr bestimmt sind.

Eine befremdliche Tatsache. Und wenn sie alt, krank, verwirrt, unglücklich und irgendwie gar nicht mehr da sind?

 

Ratschläge, Meinungen, Urteile –  niemand kann mir helfen, niemand kann mir die Entscheidung abnehmen. Von Außen ist die Situation nicht zu beurteilen.

 

Im Januar 2011